Projekt
„Ungarndeutsches Zweisprachigkeits-
und Sprachkontaktkorpus“
Lehrstuhl für Germanistische Sprachwissenschaft

Information

Der Gegenstand ist eine Mehrsprachigkeitskultur mit spezifischen Ausprägungsstrukturen und Verwendungsmustern des Deutschen. Das Vorhaben ist disziplinär zum einen im Rahmen der diatopisch orientierten Variationslinguistik (Stichwort Regionalsprachen- bzw. Sprachdynamikforschung), zum anderen in dem der Zwei- bzw. Mehrsprachigkeitsforschung und der Kontaktlinguistik anzusiedeln. Für seine Durchführung kommt ergänzend die Korpuslinguistik hinzu.

Der Inhalt des Vorhabens liegt – im Sinne einer Doppelperspektive – in der Untersuchung und der Dokumentation zweisprachiger Sprechhandlungen im sog. bilingualen Diskursmodus am Material des Deutschen als Minderheitensprache in Ungarn (Stichwort: „Donauschwaben“). Daher richtet sich das Projekt zum einen auf die variations- und kontaktlinguistische Erforschung ungarndeutscher mündlicher Sprechhandlungen im interaktiven Alltag der Verständigung und zum anderen auf die Erstellung eines webbasierten Portals inklusive Datenbank für authentische ungarndeutsche Diskurse in Form von Tonaufnahmen, Transkripten und Texten.

Der Hintergrund: Während sich das Gros der bisherigen Forschungen auf eine traditionelle – z.B. dialektgeographische – Beschreibung der ungarndeutschen Basismundarten (Bairisch, Fränkisch und Schwäbisch) konzentriert hat, stellt dieses Forschungsvorhaben die durch Mehrsprachigkeit, Inter-/Transkulturalität und (interne sowie externe) Variation weitgehend geprägte tatsächliche Sprachverwendung in den Mittelpunkt. Denn die „reinen“ (d.h. ungemischten) deutschen Dialekte werden in der Untersuchungsregion heute kaum noch gesprochen, vielmehr sind dynamische Misch- und Übergangsformen mit Ungarisch (und seltener mit anderen Kontaktsprachen) charakteristisch. Sind doch gleichsam alle Ungarndeutschen zwei- bzw. mehrsprachig mit unterschiedlichen Dominanzkonfigurationen, jedoch überall mit einem deutlichen Übergewicht der ungarischen Standardsprache. Das als Ergebnis vorgesehene ungarndeutsche Zweisprachigkeitskorpus soll reale, aus dem Leben gegriffene Gespräche systematisch aufbereiten, die die ungarndeutschen Kontaktvarietäten der Gegenwart in ihrer Vielfalt anschaulich repräsentieren.

Das Hauptziel besteht mithin in Forschung und Dokumentation: Interaktive Praktiken und ihre sprachlichen Korrelate sollen in einem inter- bzw. transkulturellen Zweisprachigkeitskontext aufgedeckt werden. Das im Rahmen des Projekts erarbeitete Korpus soll – in strukturierter und kommentierter Form – in einer elektronischen Datenbank digital zugänglich und nutzbar gemacht werden. Dementsprechend wird das UZSK authentisches sprechsprachliches Material aus mehreren wichtigen Siedlungsregionen deutscher Minderheiten bereitstellen. Dabei gilt den zahlreichen und vielgestaltigen Sprach- und Kulturkontaktphänomenen aus dem Ungarischen (gelegentlich aus anderen Minderheitensprachen), die heute ein hervorstechendes Merkmal ungarndeutscher Redeweise verkörpern, besonderes Augenmerk. Somit soll unser Korpus über seine ungarndeutsche Relevanz hinaus allgemeiner für Zweisprachigkeits- und kontaktlinguistische Studien auch in Bezug auf andere Sprachkonstellationen von Interesse sein.